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Vagusnerv-Praxis Roberta Nozzolillo

Anatomie und Aufgaben

Der Vagusnerv: was er ist, wo er verläuft und was er steuert

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und der längste der zwölf Hirnnerven. Er verlässt den Schädel seitlich an der Schädelbasis hinter dem Ohr, zieht am Hals abwärts neben der Halsschlagader und läuft durch den Brustkorb und das Zwerchfell bis in den Bauchraum, wo er Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse und den Darm bis zum Querkolon erreicht. Als Hauptnerv des Parasympathikus meldet er dem Gehirn laufend den Zustand der inneren Organe und senkt Herzschlag und Atemtempo, wenn keine Gefahr besteht. Sein Name kommt vom lateinischen „vagus", umherschweifend, und beschreibt den Weg ziemlich genau: Kein anderer Hirnnerv reicht so weit vom Kopf weg.

  • X Hirnnerv Nummer zehn von zwölf
  • 2 paarig angelegt, links und rechts
  • 75 % aller parasympathischen Fasern
  • 80 % seiner Fasern melden zum Gehirn

Der Weg durch den Körper

Wo der Vagusnerv verläuft

Der Nerv zieht in fünf Stationen von der Schädelbasis bis in den Bauchraum. Der Rücken kommt auf diesem Weg nicht vor. Viele Menschen denken bei „Nerv" zuerst an die Wirbelsäule, und deshalb hält sich dieser Irrtum so hartnäckig.

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    Schädelbasis

    Der Nerv verlässt den Schädel durch das Foramen jugulare, eine Öffnung seitlich an der Schädelbasis hinter dem Ohr. Dicht daneben liegt die innere Drosselvene.

  2. 02

    Hals

    Er zieht in der Halsscheide abwärts, zwischen Halsschlagader und Drosselvene, hinter dem Musculus sternocleidomastoideus. Auf dieser Strecke gibt er die Äste an Rachen und Kehlkopf ab.

  3. 03

    Brustkorb

    Hier gibt der Nerv seine Äste zum Herzen, zur Luftröhre und zu den Bronchien ab. Um die Speiseröhre herum bilden der linke und der rechte Nerv ein Geflecht und tauschen dabei Fasern aus.

  4. 04

    Zwerchfell

    Der Durchtritt erfolgt zusammen mit der Speiseröhre durch den Hiatus oesophageus, auf Höhe des zehnten Brustwirbels.

  5. 05

    Bauchraum

    Unterhalb des Zwerchfells versorgt er Magen, Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Nieren, Dünndarm und Dickdarm bis zum linken Drittel des Querkolons. Ab dort übernehmen parasympathische Fasern aus dem Kreuzbein.

Aufgaben

Was der Vagusnerv steuert

Etwa 80 Prozent seiner Fasern laufen nach oben, in Richtung Gehirn. Der Vagusnerv ist damit zuerst ein Meldeweg: Dehnung der Lunge, Füllung des Magens, Säuregrad im Darm, Blutdruck im Aortenbogen. Erst der kleinere Teil der Fasern gibt Signale nach unten ab.

Herzschlag

Der Sinusknoten gibt dem Herzen den Takt vor, und der Vagusnerv bremst ihn. Ohne diese Bremse läge die Eigenfrequenz des Sinusknotens bei jüngeren Erwachsenen bei etwa 100 bis 110 Schlägen pro Minute. Ein Ruhepuls von 60 ist also kein Zustand ohne Aktivität, sondern ein aktiv gebremster.

Atmung

Er meldet dem Hirnstamm laufend, wie weit die Lunge gedehnt ist, und regelt die Weite der Bronchien mit. Sichtbar wird das an der Herzfrequenz: beim Einatmen steigt sie leicht, beim Ausatmen sinkt sie. Dieser Wechsel heißt respiratorische Sinusarrhythmie, und wegen ihm setzen Atemübungen an der Ausatmung an.

Verdauung

Magensaft, Magenbewegung, die Arbeit von Bauchspeicheldrüse und Darm: all das läuft über parasympathische Fasern, im oberen Verdauungstrakt fast vollständig über den Vagus. Der englische Merksatz „rest and digest" meint diesen Zusammenhang.

Stimme und Schlucken

Der Nervus laryngeus recurrens, ein Ast des Vagus, versorgt fast alle Kehlkopfmuskeln. Fällt er einseitig aus, etwa als Komplikation einer Schilddrüsenoperation, wird die Stimme heiser. Auch die Rachenmuskulatur beim Schlucken und der Würgereflex hängen an ihm.

Forschungsstand

Der Entzündungsreflex

Ende der 1990er Jahre beschrieb die Arbeitsgruppe um den amerikanischen Neurochirurgen Kevin Tracey einen Regelkreis, für den sich der Name „cholinerger antiinflammatorischer Weg" eingebürgert hat. Aufsteigende Vagusfasern melden dem Hirnstamm, dass im Gewebe Entzündungsbotenstoffe unterwegs sind. Absteigende Fasern wirken über die Milz auf Immunzellen ein und dämpfen dort die Ausschüttung von Tumornekrosefaktor alpha, einem zentralen Botenstoff der Entzündungsreaktion.

Belegt ist dieser Weg vor allem im Tierversuch. Beim Menschen stammen die Daten überwiegend aus kleinen Studien mit chirurgisch implantierten Stimulatoren, etwa bei rheumatoider Arthritis, mit Fallzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich. Was sich daraus für Übungen ableiten lässt, die jemand ohne Implantat zu Hause macht, ist offen.

Dieser Abschnitt beschreibt den Stand der Forschung, mehr nicht. Ob sich Entzündungsprozesse durch Körperarbeit oder Atemübungen beeinflussen lassen, lässt sich daraus nicht ableiten.

Das vegetative Nervensystem

Warum der Vagusnerv der Gegenspieler des Stresssystems ist

Das vegetative Nervensystem arbeitet ohne Ihr Zutun. Es hat zwei Anteile, die gegenläufig auf dieselben Organe wirken. Der Vagusnerv trägt rund 75 Prozent aller parasympathischen Fasern und ist damit dessen wichtigster Vertreter.

Sympathikus

Seine Fasern verlassen das Rückenmark im Brust- und Lendenbereich und laufen über den Grenzstrang neben der Wirbelsäule. Er stellt den Körper auf Leistung: Der Puls steigt, die Bronchien weiten sich, Muskeln bekommen mehr Blut, die Verdauung wird zurückgefahren.

Parasympathikus

Seine Fasern kommen aus dem Hirnstamm und aus dem Kreuzbein, der größte Teil über den Vagusnerv. Er stellt auf Erholung und Aufbau: Der Puls sinkt, die Verdauung läuft an, der Körper repariert und speichert.

Verbreitet ist die Kurzformel „Sympathikus schlecht, Parasympathikus gut", und sie stimmt nicht. Ohne Sympathikus stünde niemand morgens auf, und ein dauerhaft überwiegender Parasympathikus wäre ebenfalls kein gesunder Zustand. Die beiden arbeiten nicht wie Schalter, sondern wie zwei Regler, die gleichzeitig stehen.

Ramus auricularis

Die einzige Hautstelle, an die man herankommt

Der Vagusnerv versorgt fast ausschließlich innere Organe. Von der Haut versorgt er sensibel genau eine Region: einen Teil der äußeren Ohrmuschel, vor allem die Grube oberhalb des Gehörgangs, dazu die hintere Wand des Gehörgangs selbst und einen Teil des Trommelfells. Dieser Ast heißt Ramus auricularis nervi vagi, in älterer Literatur auch Arnold-Nerv.

Bei einem Teil der Menschen löst Reiben im äußeren Gehörgang deshalb einen Hustenreiz aus. Der Zusammenhang ist so eindeutig, dass er in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde als eigenes Zeichen geführt wird.

Auf dieser Anatomie beruht die transkutane aurikuläre Vagusnerv-Stimulation, bei der über eine Elektrode am Ohr gereizt wird. Aus demselben Grund kommt das Ohr in der Körperarbeit am Nervensystem so oft vor.

Was belegt ist

Vagusnerv-Stimulation: der ehrliche Stand

Über den Vagusnerv steht viel Halbseriöses im Netz. Dieser Abschnitt trennt deshalb, was gesichert ist, von dem, was gerade erst untersucht wird.

Implantierte Stimulation

Ein Generator unter der Haut am Brustkorb, eine Elektrode am linken Vagus im Halsbereich: Dieses Verfahren ist seit den 1990er Jahren zugelassen und wird in der Neurologie eingesetzt, unter anderem bei schwer einstellbarer Epilepsie. Es ist ein operativer Eingriff unter ärztlicher Verantwortung und hat mit Übungen am eigenen Körper nichts zu tun.

Stimulation über das Ohr

Die transkutane Variante am Ohr ist Gegenstand vieler kleiner Studien. Sie kommen zu uneinheitlichen Ergebnissen, und das hat nachvollziehbare Gründe: Die Reizparameter unterscheiden sich, die gereizten Punkte am Ohr unterscheiden sich, die Gruppen sind klein, und eine überzeugende Scheinkontrolle ist schwer zu bauen, weil eine Elektrode am Ohr spürbar ist. Die Richtung ist interessant, ein gesicherter Nachweis für den Alltag steht aber aus.

Übungen ohne Gerät

Langsame Ausatmung, Summen, Gurgeln, kaltes Wasser im Gesicht: Für die Atmung ist der Zusammenhang mit der Herzratenvariabilität am besten untersucht, weil die respiratorische Sinusarrhythmie ein messbarer physiologischer Vorgang ist. Für die übrigen Übungen ist die Datenlage dünn und beruht oft auf kleinen Gruppen ohne Kontrolle.

Wer schreibt, eine bestimmte Übung „aktiviere den Vagusnerv" und regele damit zuverlässig das Nervensystem, sagt mehr, als sich belegen lässt.

Nachgefragt

Häufige Fragen zum Vagusnerv

Diese acht Fragen werden in Suchmaschinen immer wieder zu diesem Nerv gestellt.

Wo genau verläuft der Vagusnerv?

Er verlässt den Schädel durch das Foramen jugulare, seitlich an der Schädelbasis hinter dem Ohr, zieht am Hals abwärts neben der Halsschlagader und hinter dem Kopfwendermuskel, durch den Brustkorb, mit der Speiseröhre durch das Zwerchfell und weiter zu Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm bis zum Querkolon. Am Rücken verläuft er nicht.

Was macht der Vagusnerv im Körper?

Er ist der Hauptnerv des Parasympathikus und arbeitet in beide Richtungen. Etwa 80 Prozent seiner Fasern melden dem Gehirn den Zustand der inneren Organe, der kleinere Teil gibt Signale nach unten: Er senkt die Herzfrequenz, regelt die Weite der Bronchien mit, steuert Magensaft und Darmbewegung und versorgt die Kehlkopfmuskeln für Stimme und Schlucken.

Gibt es den Vagusnerv links und rechts?

Ja, er ist paarig angelegt. Beide Seiten haben unterschiedliche Schwerpunkte: Der rechte Vagus wirkt stärker auf den Sinusknoten, der linke auf die Überleitung im Herzen. Um die Speiseröhre herum bilden beide ein gemeinsames Geflecht und tauschen Fasern aus, deshalb lässt sich unterhalb des Zwerchfells nicht mehr sauber von links und rechts sprechen.

Kann man den Vagusnerv spüren oder ertasten?

Direkt ertasten lässt er sich nicht, er liegt am Hals in einer Bindegewebshülle zusammen mit Halsschlagader und Drosselvene. Sensibel versorgt er von der Haut nur einen kleinen Bereich der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs. Alles andere, was Menschen als „den Vagus spüren" beschreiben, sind Wirkungen an den Organen, etwa ein langsamerer Puls oder Darmgeräusche.

Was ist der Unterschied zwischen Vagusnerv und Parasympathikus?

Der Parasympathikus ist der eine Teil des vegetativen Nervensystems, der Vagusnerv ist sein größter einzelner Nerv. Rund 75 Prozent aller parasympathischen Fasern laufen über ihn. Zum Parasympathikus gehören daneben Fasern anderer Hirnnerven, etwa zur Tränen- und Speicheldrüse, sowie Fasern aus dem Kreuzbein für den unteren Dickdarm und die Blase.

Woran merke ich, dass mit meinem Vagusnerv etwas nicht stimmt?

Das lässt sich zu Hause nicht feststellen, und keine Übung und keine App ersetzt eine ärztliche Abklärung. Eine tatsächliche Schädigung zeigt sich an harten Zeichen wie anhaltender Heiserkeit, Schluckstörungen, einem einseitig ausgefallenen Würgereflex oder Herzrhythmusauffälligkeiten. Damit gehört man in eine Praxis für Neurologie oder Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, nicht in ein Übungsprogramm.

Was hat die Herzratenvariabilität mit dem Vagusnerv zu tun?

Die Herzratenvariabilität beschreibt, wie stark die Abstände zwischen zwei Herzschlägen schwanken. Ein Teil dieser Schwankung geht auf den Atemrhythmus zurück und wird über den Vagusnerv vermittelt, weshalb bestimmte Kennwerte in der Forschung als Maß für vagale Aktivität dienen. Das ist ein indirektes Maß: Alter, Trainingszustand, Medikamente, Schlaf und die Messmethode beeinflussen den Wert erheblich.

Was hat die Polyvagal-Theorie mit dem Vagusnerv zu tun?

Stephen Porges hat 1994 ein Modell vorgeschlagen, das zwei Anteile des Vagusnervs unterscheidet und daraus drei Zustände des Nervensystems ableitet: soziale Zugewandtheit, Alarm und Erstarrung. Das Modell ist in der Körperarbeit weit verbreitet. Seine evolutionsbiologischen Annahmen sind in der Fachliteratur umstritten, unter anderem weil auch Reptilien einen myelinisierten Vagusanteil besitzen.

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