Zum Inhalt springen
Vagusnerv-Praxis Roberta Nozzolillo

Ratgeber

Vagusnerv-Übungen: 7 Techniken, die sofort etwas verändern

Diese sieben Übungen können Sie ohne Hilfsmittel ausprobieren. Statt „atmen Sie ruhig" nenne ich Sekunden und Wiederholungen, und zu jeder Übung schreibe ich, was im Körper passiert und wie gut das belegt ist.

Veröffentlicht am 01. September 2026

Der Vagusnerv liegt tief im Körper. Am Hals steckt er in einer Bindegewebshülle zwischen Halsschlagader und Drosselvene, im Bauchraum liegt er an den Organen, und anfassen lässt er sich nirgends. Erreichen lässt er sich nur über vier Wege, die von außen zugänglich sind: über die Atmung, über Kehlkopf und Rachen, über die Ohrmuschel und über einen Reflex im Gesicht. Die sieben Übungen verteilen sich auf diese vier Zugänge.

Vorweg möchte ich eines klarstellen: Ich verspreche Ihnen mit keiner dieser Übungen eine Wirkung auf eine Beschwerde, und keine davon ersetzt eine ärztliche Abklärung. Bei einigen lässt sich eine körperliche Reaktion beschreiben, die in der Physiologie seit Langem bekannt ist, und das ist etwas anderes als ein Versprechen.

Warum fast alles an der Ausatmung hängt

Am Sinusknoten, dem Taktgeber des Herzens, wirkt der Vagusnerv als Bremse. Diese Bremse arbeitet nicht gleichmäßig, sondern im Rhythmus der Atmung: Beim Einatmen wird sie kurz gelockert und die Herzfrequenz steigt, beim Ausatmen greift sie wieder und die Frequenz sinkt. In der Physiologie heißt das respiratorische Sinusarrhythmie. Wer die Ausatmung verlängert, verlängert damit die Phase, in der diese Bremse arbeitet. Mehr behaupten die ersten drei Übungen nicht. Wie der Nerv verläuft und was er sonst noch steuert, steht auf der Seite über den Vagusnerv.

1

Die 4-6-Atmung

Dauer
1 Minute
Setzt an
Ausatmung und Zwerchfell
  1. 1 Aufrecht hinsetzen, Füße flach auf dem Boden, Mund geschlossen. Geatmet wird durch die Nase.
  2. 2 Einatmen und dabei bis 4 zählen.
  3. 3 Ausatmen und dabei bis 6 zählen, langsam und ohne zu pressen.
  4. 4 Keine Pause dazwischen. Ein Durchgang dauert damit 10 Sekunden, das sind 6 Atemzüge pro Minute statt der üblichen 12 bis 16.
  5. 5 6 Durchgänge hintereinander machen, das ergibt genau eine Minute. Wenn sich 4 zu 6 nach Luftnot anfühlt, gehen Sie auf 3 zu 5 herunter.

Achtung: Wird Ihnen schwindelig, war die Atmung zu tief oder zu schnell, nicht zu langsam. Zurück zum normalen Rhythmus und beim nächsten Versuch flacher einatmen.

Diese Übung geht überall, im Wartezimmer wie im Stau. Sie setzt allerdings voraus, dass beim Atmen tatsächlich das Zwerchfell arbeitet und sich nicht nur der Brustkorb hebt. Bei Menschen, die viel sitzen, ist das oft nicht der Fall. Deshalb prüft die zweite Übung zuerst die Zwerchfellatmung.

2

Zwerchfellatmung im Liegen

Dauer
5 Minuten
Setzt an
Zwerchfell und unterer Rippenbogen
  1. 1 Auf den Rücken legen, Knie angewinkelt, Füße auf dem Boden.
  2. 2 Eine Hand flach auf den Bauch unterhalb des Nabels, die andere seitlich auf den unteren Rippenbogen.
  3. 3 So einatmen, dass sich die Hand auf dem Bauch hebt und die Rippen unter der anderen Hand seitlich weit werden. Schultern und Brustbein bleiben ruhig.
  4. 4 Jeweils 5 Sekunden ein- und 5 Sekunden ausatmen und dabei mitzählen.
  5. 5 Bleiben Sie 5 Minuten dabei, das sind etwa 30 Atemzüge. Einmal am Tag reicht, und abends im Bett ist ein guter Platz dafür.

Wer die Ausatmung verlängern will, ohne mitzuzählen, kann sich einen kleinen Widerstand bauen. Die Luft entweicht dann langsamer, und die Ausatmung wird von selbst länger.

3

Ausatmen gegen leichten Widerstand

Dauer
2 Minuten
Setzt an
Ausatemwiderstand an den Lippen
  1. 1 Durch die Nase einatmen, etwa 3 Sekunden.
  2. 2 Lippen spitzen, als wollten Sie eine Kerze anpusten, ohne sie auszublasen. Wer mag, atmet stattdessen durch einen Trinkhalm aus.
  3. 3 Gegen diesen Widerstand 8 Sekunden lang gleichmäßig ausatmen, bis zum Ende der Luft.
  4. 4 10 Durchgänge machen und zwischen den Durchgängen zwei normale Atemzüge nehmen.

Achtung: Pressen Sie nicht: Wenn der Bauch hart wird oder Sie den Kopf anschwellen spüren, ist der Widerstand zu groß. Pressen gegen die geschlossene Stimmritze ist ein anderes Manöver mit anderen Risiken und gehört nicht hierher.

Der zweite Zugang führt über Kehlkopf und Rachen

Ein Ast des Vagusnervs, der Nervus laryngeus recurrens, versorgt fast alle Kehlkopfmuskeln. Weitere Äste gehen an die Rachenmuskulatur, deshalb hängt auch der Würgereflex an diesem Nerv. Wenn Sie summen oder gurgeln, bewegen Sie Muskeln, die von ihm versorgt werden. Daraus leiten beide Übungen ihre Begründung ab.

An dieser Stelle wird die Beleglage dünn. Dass diese Muskeln vagal versorgt werden, ist Anatomie und unstrittig. Dass ihre Aktivierung den Zustand des Nervensystems messbar verändert, ist es nicht: Kontrollierte Untersuchungen zu Summen und Gurgeln gibt es kaum. Was dafür spricht, ist die Erfahrung vieler Menschen und der schlichte Umstand, dass die Ausatmung beim Summen ohnehin länger wird als beim normalen Atmen. Vielleicht liegt darin der wirksame Teil.

4

Summen auf der Ausatmung

Dauer
2 bis 3 Minuten
Setzt an
Kehlkopf und Stimmlippen
  1. 1 Durch die Nase einatmen, 4 Sekunden.
  2. 2 Mit geschlossenem Mund auf einem tiefen, bequemen Ton aussummen, bis die Luft ausgeht, mindestens 10 Sekunden.
  3. 3 Die Vibration sollte im Brustbein und im Gesicht zu spüren sein. Wenn nicht, mit dem Ton tiefer gehen.
  4. 4 Auf 10 Durchgänge kommen und dazwischen jeweils zwei normale Atemzüge nehmen.

Achtung: Bei Heiserkeit, die länger als drei Wochen anhält, gehört der Kehlkopf angeschaut, bevor Sie ihn üben lassen. Anhaltende Heiserkeit ist eines der wenigen harten Zeichen, die auf ein Problem am Nerv selbst hinweisen können.

Gurgeln geht in dieselbe Richtung, arbeitet aber weiter hinten im Rachen und kräftiger. Es lässt sich gut an das Zähneputzen anhängen, dafür ist es laut.

5

Kräftiges Gurgeln

Dauer
1 Minute
Setzt an
Rachenmuskulatur
  1. 1 Ein Glas mit etwa 100 ml lauwarmem Wasser bereitstellen, einen Schluck in den Mund nehmen.
  2. 2 Kopf leicht in den Nacken und so kräftig gurgeln, dass es laut wird. Die Augen dürfen dabei tränen.
  3. 3 Das Wasser 30 Sekunden am Stück gurgeln und dann ausspucken.
  4. 4 Morgens am Waschbecken 2 Durchgänge machen.

Achtung: Lassen Sie diese Übung weg, wenn Sie Schluckstörungen haben oder sich leicht verschlucken.

Das Ohr ist die einzige Stelle mit direktem Hautkontakt

An der Haut versorgt der Vagusnerv nur einen einzigen Bereich, nämlich einen Teil der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs, über einen Ast namens Ramus auricularis. Es ist die einzige Stelle am ganzen Körper, an der eine Berührung tatsächlich vagale Fasern erreicht.

Zur transkutanen aurikulären Vagusnerv-Stimulation, also der elektrischen Reizung dieser Stelle, gibt es inzwischen etliche Untersuchungen. Die meisten haben kleine Fallzahlen, häufig unter fünfzig Personen, und eine schwache Scheinkontrolle: Wer eine Elektrode am Ohr spürt, weiß in aller Regel, dass er nicht in der Kontrollgruppe ist. Die Ergebnisse fallen entsprechend uneinheitlich aus. Für die Massage mit den Fingern ist die Grundlage noch schmaler. Ich mache die Übung trotzdem gern, weil sie angenehm ist und nichts kostet, aber als belegt kann ich sie nicht verkaufen.

6

Ohrmassage über den Ramus auricularis

Dauer
2 Minuten
Setzt an
Ramus auricularis an der Ohrmuschel
  1. 1 Mit dem Zeigefinger die kleine Mulde direkt über dem Eingang des Gehörgangs ertasten, zwischen den beiden Knorpelkanten. Das ist die Concha, dort ist die vagale Versorgung am dichtesten.
  2. 2 Dort mit leichtem Druck kreisen, etwa ein Kreis pro Sekunde, 30 Sekunden lang.
  3. 3 Danach den Rand der Ohrmuschel zweimal von oben nach unten ausstreichen und am Ohrläppchen sanft nach unten ziehen.
  4. 4 Seite wechseln und dasselbe wiederholen. Für beide Ohren zusammen kommen Sie so auf 2 Minuten.

Kaltes Wasser und der Tauchreflex

Der letzte Zugang läuft nicht über den Vagusnerv selbst, sondern über einen Reflex. Kaltes Wasser auf der Gesichtshaut um Augen und Nase reizt Äste des Trigeminusnervs, und die Antwort darauf ist der Tauchreflex: Der Puls sinkt, die Gefäße in Armen und Beinen ziehen sich zusammen, der Körper spart Sauerstoff. Die Bremse am Herzen läuft dabei über den Vagusnerv. Von allen sieben Reaktionen ist diese am besten dokumentiert, und zugleich die einzige, vor der ich warne.

7

Kaltes Wasser ins Gesicht

Dauer
30 Sekunden
Setzt an
Gesichtshaut um Augen und Nase
  1. 1 Eine Schüssel mit Wasser von etwa 10 bis 15 Grad füllen. Kaltes Leitungswasser reicht, zwei Eiswürfel dürfen hinein.
  2. 2 Einmal ein- und ausatmen, dann das Gesicht 20 bis 30 Sekunden eintauchen, Stirn und Augenpartie zuerst.
  3. 3 Wenn Eintauchen nicht geht: ein kalter, nasser Waschlappen auf Stirn, Augen und Nasenwurzel, ebenfalls 30 Sekunden.
  4. 4 Höchstens zweimal hintereinander, danach eine Weile normal atmen.

Achtung: Bei einer bekannten Herzerkrankung, bei Herzrhythmusstörungen oder Epilepsie lassen Sie diese Übung weg. Der Reflex senkt den Puls, und bei einem vorgeschädigten Herzen ist das kein harmloser Reiz. Wer zu Ohnmacht neigt, macht die Übung nicht allein über einem gefüllten Waschbecken.

Wie oft Sie üben sollten und woran Sie etwas merken

In meiner Praxis in Fürth werde ich öfter gefragt, wie oft man üben muss, als welche Übung die beste ist. Lieber jeden Tag eine Minute als einmal in der Woche zwanzig, denn das vegetative Nervensystem lernt über Wiederholung, nicht über Dauer.

Ein realistischer Einstieg sieht so aus: In den ersten beiden Wochen nehmen Sie eine einzige Übung, am besten die 4-6-Atmung, und hängen sie an etwas, das Sie ohnehin jeden Tag tun, nach dem Zähneputzen oder vor dem Losfahren. Ab Woche drei kommt eine zweite dazu. Mehr als drei Übungen im Alltag halten die wenigsten durch, und das liegt nicht an fehlender Disziplin.

Was Sie bemerken könnten, ist unspektakulär: dass die Ausatmung von selbst länger wird, dass die Schultern nach der Minute anders stehen oder dass Sie abends schneller wegdämmern. Solche Beobachtungen sind subjektiv und keine Messwerte. Wer es genauer wissen will, misst über Wochen die Herzratenvariabilität und sollte dabei wissen, dass Alter, Schlaf, Alkohol und die Messmethode den Wert stärker verändern als jede Atemübung. Wie daraus eine Routine wird, habe ich unter Nervensystem-Regulation beschrieben.

Was ich weggelassen habe

Einige Techniken, die in Vagus-Ratgebern regelmäßig auftauchen, habe ich bewusst weggelassen. Das Pressen gegen die geschlossene Stimmritze, in der Medizin als Valsalva-Manöver bekannt, greift zwar am Vagusnerv an, wird aber unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt und nicht als Alltagsübung. Druck auf die Halsschlagader gehört in dieselbe Kategorie und ist als Selbstversuch gefährlich. Die kalte Ganzkörperdusche belastet den Kreislauf deutlich stärker als kaltes Wasser im Gesicht, ohne dass sie für diesen Zweck mehr böte. Und die Blickübung, bei der die Augen langsam nach rechts und links wandern, steht in fast jedem Buch zum Thema, aber ich habe keine belastbare Untersuchung dazu gefunden.

Alles auf dieser Seite können Sie allein ausprobieren. Wenn Sie irgendwo nicht weiterkommen, etwa weil die Atmung im Liegen partout nicht in den Bauch geht oder weil der Nacken bei jeder Atemübung dazwischenfunkt, bringt gemeinsames Üben mehr als die nächste Anleitung im Internet. Was in einer Sitzung bei mir passiert, steht unter Angebote.

Wenn Sie nicht in der Nähe von Fürth wohnen, geht das auch per Video: Ich leite die Atmung an, wir wählen die Übungen aus und sprechen darüber. Was online wegfällt, steht unter Online-Sitzungen.

Fragen vor dem ersten Termin

Häufige Fragen

Wenn Ihre Frage hier nicht dabei ist, klären wir sie im kostenlosen 15-Minuten-Gespräch.

Wie oft sollte ich Vagusnerv-Übungen machen?

Täglich und kurz ist besser als selten und lang. Eine Minute 4-6-Atmung an jedem Tag bringt mehr als eine halbe Stunde am Sonntag. Beginnen Sie mit einer einzigen Übung über zwei Wochen und hängen Sie sie an eine feste Gewohnheit, etwa das Zähneputzen. Ab Woche drei können Sie eine zweite dazunehmen.

Welche Vagusnerv-Übung eignet sich für den Anfang?

Am besten fangen Sie mit der verlängerten Ausatmung an: 4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen, sechs Atemzüge lang. Sie braucht keine Hilfsmittel, fällt niemandem auf und hat von allen sieben Übungen die klarste körperliche Begründung. Beim Ausatmen sinkt die Herzfrequenz, das ist die respiratorische Sinusarrhythmie und steht in jedem Physiologiebuch.

Wie schnell merkt man etwas?

Eine unmittelbare körperliche Reaktion gibt es innerhalb von Sekunden, etwa den langsameren Puls beim Ausatmen oder beim kalten Wasser im Gesicht. Ob sich im Alltag etwas ändert, lässt sich frühestens nach einigen Wochen regelmäßigen Übens einschätzen, und das ist bei jedem Menschen anders. Ein Versprechen dazu gebe ich nicht ab.

Sind Vagusnerv-Übungen gefährlich?

Die Atemübungen sind für die meisten Menschen unproblematisch, solange Sie nicht pressen und bei Schwindel aufhören. Kaltes Wasser im Gesicht senkt den Puls und ist bei einer Herzerkrankung, bei Herzrhythmusstörungen und bei Epilepsie nicht angebracht. Druck auf den Hals und das Pressen gegen die geschlossene Stimmritze gehören gar nicht in die Selbstanwendung. Wer Beschwerden hat, klärt sie zuerst ärztlich ab.

Kann ich die Übungen im Büro machen?

Die 4-6-Atmung, das Ausatmen durch gespitzte Lippen und die Ohrmassage sieht am Schreibtisch niemand. Summen geht im Einzelbüro, im Großraum eher nicht. Gurgeln, Zwerchfellatmung im Liegen und das kalte Wasser brauchen ein Waschbecken oder einen Boden zum Hinlegen.

Was ist an Vagusnerv-Übungen wirklich belegt?

Unterschiedlich viel, und das sollte man vorher wissen. Für die verlängerte Ausatmung gibt es solide Physiologie: Der Vagusnerv bremst den Herzschlag im Rhythmus der Atmung, beim Ausatmen stärker als beim Einatmen. Für den Tauchreflex durch kaltes Wasser im Gesicht gilt Ähnliches. Für die Reizung der Ohrmuschel ist die Studienlage uneinheitlich, mit kleinen Fallzahlen und schwacher Scheinkontrolle. Für Summen und Gurgeln gibt es fast nur Erfahrungsberichte und die anatomische Begründung, dass diese Muskeln vom Vagusnerv versorgt werden.

Ersetzen die Übungen einen Arztbesuch?

Nein. Anhaltende Heiserkeit, Schluckstörungen, Auffälligkeiten des Herzrhythmus oder ein einseitig ausgefallener Würgereflex gehören in eine ärztliche Praxis und nicht in ein Übungsprogramm. Ich stelle keine Diagnosen, und die Übungen ersetzen keine ärztliche Abklärung.

Weiterlesen

Das erste Gespräch dauert 15 Minuten und kostet nichts.

Suchen Sie sich eine Zeit aus, die Ihnen passt, dann rufe ich Sie an. Sie erzählen, ich höre zu, und danach entscheiden Sie in Ruhe.

Lieber schreiben? Zum Kontaktformular

WhatsApp